Blaubeerzeit im Sommer

Oder Blaubeeren pflücken in der Menzer Forst. Eine mühselige Angelegenheit, jeder der es einmal versucht hat kann es nur bestätigen.
Hier eine Urkunde und ein kleiner Aufsatz von Carsten Dräger, der im Sommer 1977 im Ferienlager der Granseer Schule in Menz schöne Ferientage verbrachte.

 

Hier seine Niederschrift über den Blaubeerzeit im Sommer 1977 in Menz.

Von Carsten Dräger

Blaubeerzeit in Menz

Auch in diesem Sommer ist wieder Blaubeerzeit. Die Wälder unserer Heimatregion sind mit den Pflanzen der Waldheidelbeere, die die kugelrunden, etwa perlengroßen blauen Früchte tragen, reichlich gesegnet.  Schon  Generationen vor uns schätzten die Beeren wegen ihres Wohlgeschmacks. Sie wurden frisch eingezuckert mit oder ohne Milch verspeist, als Belag für Obstkuchen verwendet, eingeweckt oder getrocknet. Heute behalten sie am Besten tiefgekühlt ihre Frische und ihren aromatischen Geschmack. Im Handel ist zumeist die Kulturheidelbeere, die in Plantagen oder Gärten an hohen Sträuchern wächst und geerntet wird, erhältlich. Ihre Früchte sind zwar größer als die der Waldheidelbeere, geschmacklich aber reichen sie an die ihrer „wilden Schwester“ nicht heran. Die getrockneten Früchte der Waldheidelbeere galten bereits im Mittelalter wegen ihrer antibakteriellen und entzündungshemmenden Wirkung als heilungs- und gesundheitsfördernd. Hildegard von Bingen setzte sie erstmals erfolgreich gegen Durchfall, Blähungen und zur Beruhigung des Reizdarms ein. Auch gegen schlechten Atem und zur Vorbeugung und Eindämmung von Entzündungen im Mund und Rachenraum verzehrten unsere Vorfahren Blaubeeren frisch oder getrocknet. Der Tee aus getrockneten, zerkleinerten Früchten und Blättern wirkt verdauungsfördernd und darmregulierend und senkt zudem den Blutzucker- und Cholesterinspiegel. Und eine auf der Haut aufgetragene Waldheidelbeertinktur hilft bei Flechten, Juckreiz, Hautausschlägen sowie gegen Geschwüre und Ekzeme.

Auch ich und meine beiden Geschwister fuhren mit unseren Eltern des Öfteren nach Menz, Dollgow oder Köpernitz „in die Blaubeeren“. Dies war ein äußerst beschwerliches Unterfangen, wie ich ganz deutlich zu erinnern vermag. Denn die ständige Hock- und Bückhaltung führte schnell zu Rücken- und Kreuzschmerzen sowie Muskelkater in den Oberschenkeln und Waden. Während wir, wie die vielen anderen Blaubeerpflücker auch, für den Eigenbedarf etwa zwei bis vier Wassereimer per Hand füllten, ernteten ausgemachte Profis mitunter die doppelte Menge und verkauften sie in hiesigen Annahmestellen, in denen auch anderes Obst, Gemüse und Pilze in Geld umgemünzt werden konnten. Und bezahlt wurde sehr gut. Es lohnte sich also. Auch unsere heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel bewies schon damals Geschäftssinn und Tüchtigkeit, denn laut „Bild am Sonntag“ sammelte sie ehedem in den Wäldern um Templin des Öfteren Blaubeeren, um ihre Ernte dann bei der Handelsgenossenschaft für Obst und Gemüse abzuliefern, weil sie für ein Kilogramm 4 Mark ausgezahlt bekam. So sparte sie sich ein kleines Geldpolster an. In den Läden wurden die Blaubeeren, wenn es denn welche gab, für nur 2 Mark/kg angeboten. Die Hälfte des Endverkaufspreises (EVP) subventionierte der Staat. Rücksichtslose „Sammler“, die in möglichst kurzer Zeit einen maximalen Ernteertrag erzielen wollten, benutzten so genannte „Kämme“, ohne darauf zu achten, dass sie damit den Pflanzen Schaden zufügten.

Insbesondere in der Nachkriegszeit zog es viele zur Nahrungsbeschaffung in die Wälder, um Pilze zu sammeln oder Beeren zu pflücken. Eine überlieferte, wahrheitsgetreue Episode, aufgeschrieben von einem Granseer im Jahr 1946, berichtet über die damalige „Blaubeerzeit“ in der Menzer Heide: „…Der Fuhrunternehmer Klebs  aus Gransee besitzt zwei LKW-Anhänger und eine schwere Zugmaschine Marke „Faun“. Wo er sich diese beschafft hat, ist nicht bekannt. Er bietet jetzt zur Blaubeerzeit für Interessenten Fahrten von Gransee in die Menzer Heide an, wo die begehrten Früchte in Hülle und Fülle zu finden sind. Und erstaunlicherweise verlangt er für die Fahrten kein Geld. Pro Person muss aber als Naturalabgabe eine Konservendose (etwa 500 g) voll Blaubeeren an ihn abgegeben werden. An einem Sonntag beabsichtigte ich, mit dem „Blaubeerexpress“, wie die Granseer ihn scherzhaft zu nennen pflegen, mit zu fahren.  Aber das wollten andere Mitbürger auch. Was sich an diesem Morgen zur Abfahrtszeit um 7 Uhr auf dem Kirchplatz abspielte, war unbeschreiblich. Hunderte (!) stürmten beim Eintreffen des Herrn Klebs auf die beiden Hänger und schlugen sich fast, um darauf einen Platz zu finden. Erst als Klebs einschritt und der Menge zurief, dass er bald zurück kommen würde um die Anderen zu holen und keiner zurück bliebe, ließ das Gerangel nach. Trotzdem standen auf jedem Hänger dicht an dicht gedrängt etwa 75 Menschen mit ihren Eimern und sonstigen Gefäßen. Kaum jemand konnte sich irgendwie festhalten, denn die Seitenwände aus Brettern waren nur  50 cm hoch. Als der Fahrer nach dem Passieren des Ruppiner Tores  etwas aufs Tempo drückte und plötzlich bremste, kam es fast zu einer Katastrophe. Die Passagiere wurden nach hinten gepresst. Die fehlenden Anhängerriegel waren provisorisch durch Drahtschlingen ersetzt, die dem Druck nicht stand hielten und rissen. Ein halbes Dutzend Menschen, auf die sich noch andere stützten, hing halb in der Luft und drohte gleich auf das Pflaster zu stürzen. Ihr Geschrei und das Gebrüll der Übrigen erzwangen einen Halt. Einige stiegen bleich vor Schreck ab. Sie verzichteten unter diesen Umständen auf die Blaubeeren in der Menzer Heide. Doch die Fahrt wurde fortgesetzt. Ein neuer Draht kam an die Klappe und dann ging es weiter mit „Affentempo“ in Richtung Menz und Globsow.“

Im Übrigen erinnere ich mich gern an unsere Schulferienlager in Menz. Die „POS Werner-Seelenbinder“, heute Standort der „Wernher von Siemens“-Schule, ermöglichte uns im  Sommer zwei unbeschwerte Ferienwochen. Wir genossen nicht nur das kühle Nass des nahen Roofen-Sees in der Sommerhitze, sondern auch die waldreiche Umgebung mit ihrem Pilz- und Blaubeerreichtum. Dabei fanden wir Animation und Rat bei unserem Ferienbetreuer Fritz Michael, der ansonsten Biologielehrer und Direktor unserer Schule war. Neben einem Pilzkundelehrgang, dem Pilze suchen und der Sortenbestimmung stand auch das Sammeln von Blaubeeren auf dem Programm. Sowohl die Speisepilze als auch die Waldheidelbeeren wurden gemeinsam zubereitet und verzehrt. Es gab zudem Prämierungen für den besten Pilzsucher, den besten Blaubeerpflücker und die beste Qualität. Meine Urkunde für beste Qualitätsarbeit beim Blaubeerpflücken habe ich bis heute als Erinnerungsstück aufbewahrt. Am Allerschönsten aber war für uns immer das Herausstrecken der blaugefärbten Zunge nach dem Genuss der leckeren Beeren. Die blaugefärbten Finger reinigten wir dann mit Zitronensaft und Handbürste.